Archiv für den Monat: Juni 2015

Das Labyrinth der Systeme: Was Immobilienbesitzer bei Hausautomatisierung beachten sollten

Hausautomatisierung boomt. Insbesondre in den Vereinigten Staaten, aber auch in Ländern wie Brasilien, China, Südkorea ist das Modell auf dem Vormarsch. Und bis 2018 soll auch ein Viertel aller deutschen Haushalte intelligent vernetzt sein. Der Markt wächst ununterbrochen.
Für Bauherren stellt sich somit auch hierzulande die Frage nach der frühen Einplanung der Technologie in den Bauprozess, für Immobilienbesitzer wiederum die Frage nach Nachrüstung ihres Wohnobjekts. Ganz gleich, ob der Grund die Wertsteigerung der Immobilie an sich, damit verbundene höhere Mieteinkünfte oder das eigene Bedürfnis nach höherem häuslichen Komfort ist – die Nachrüstung ist nicht ohne Tücken. Das Hausbauportal www.haus-xxl.de weist auf die letzten Entwicklungen und Trends hin.

Die Entwicklung des Smart-Home Marktes

Als Mark Weiser 1991 seinen viel beachteten Aufsatz „Das Internet der Dinge“ veröffentlichte, sagte er voraus, dass Mitte oder Ende des 21. Jahrhunderts Geräte intelligent agieren würden. Er schrieb, dass sie miteinander kommunizierten und so dem Verbraucher einfache Handgriffe abnehmen und massiv entlasten würden.
Viel ist seitdem passiert. Aus großen Blöcken mit Antennen wurden kleine handliche Handys, aus den Handys wieder größere Smartphones und was Google Brille und Apple Watch versprechen, geht wieder in eine neue Richtung. Aber bereits spätestens seit 2002, als die ersten Smart Home Systeme serienreif wurden, ist Weisers Vision so nah wie nie. Die Steuerung von Heizung, Licht und Multimedia konzentriert sich mehr und mehr auf wenige Schaltstellen. Ein guter Grund für den Hausbesitzer rasch auf den Zug aufzuspringen. Oder?

Gelingt die Kombination von Betongold und smarter Gebäudesteuerung?

Im Smart Home Bereich wird ein Kontrast deutlich. Es ist ein Kontrast der Flexibilitäten: Immobilien, die unbeweglichen, soliden, meist in Stein gebauten Wertanlagen treffen hier auf eine junge, dynamische Industrie, die sich selbst noch nicht gefunden hat. Die Unternehmen, deren Altersdurchschnitt der Mitarbeiter weit unter dem anderer Sektoren liegt, hat viel ausprobiert, viel erreicht und viel verworfen.
Wohin die Reise geht ist klar: Am Ende steht das intelligente Haus, das seine Bewohner verwöhnt, entlastet und letztendlich dadurch Komfort und Freude schenkt. Welcher Weg dabei beschritten werden soll, bleibt jedoch unklar. Und genau hier liegt die Gefahr für den Haus- oder Wohnungsbesitzer: Unausgereifte Technologien sind nicht nur Anfällig, sondern deren Installation und eventuelle nachträgliche Entfernung können zusätzliche, unnötige Kosten verursachen.

Probleme der gängigen Systeme

Die gängigen Systeme von Smart Home Systemen, die bisher etwa von HomeMatic, der Telecom oder RWE angeboten wurden, werden von einem speziellen Techniker installiert. Die aus einem zentralen Verteiler bestehenden Systeme benötigen separate LAN Kabel zu den zu bedienenden Geräten, zu jedem Schalter und Sensor; oft muss das Stromnetz zusätzlich erweitert werden. Der Kauf bzw. die Nachrüstung einer Immobilie mit solch einem System belief sich in der Regel auf mehrere Tausend Euro und kann je nach Größe des Objekts in die zehntausender hineinreichen. Das ist auch der Grund, weshalb sich die Systeme nur schleppend durchsetzten und wenn, oft nur im Kleinen und nicht als Gesamtkonzept verwirklicht wurden.
Neben den Installationskosten kommen noch möglicherweise wertmindernde Eingriffe in das Wohnobjekt hinzu. Kernbohrungen, externe Kabelverläufe und ein erhöhter Stromfluss erhöhen das Risiko von Defekten, allein durch die Größe des Netzes.
Zwar haben die größten Hersteller oft über 10 Jahre Erfahrung und oft auch die passenden Ersatzteile, völlig ausgereift ist die Technologie allerdings noch nicht und nicht jedes Gerät lässt sich ohne größere Komplikationen an das System anschließen. Bei einer normalen Entwicklung wäre das kein Problem, die Kinderkrankheiten der Systeme würden sich auswachsen. Allerdings bekommen die alten Systeme seit einigen Jahren Konkurrenz: Digitalstrom bietet eine leicht modifizierte und günstigere Alternative

Von gängigen Smart Home Systemen zu Digitalstrom

Der Begriff Digitalstrom ist noch umstritten: Einige Firmen beanspruchen den Begriff als Markennamen, bieten aber nicht das an, was andere als Digitalstrom bezeichnen. Der hier vorgestellte Digitalstrom zeichnet sich grundsätzlich dadurch aus, dass das Hausinterne 230V Stromnetz genutzt wird. Die Herzstücke sind ein intelligenter Impulsgeber und ca. vier mal sechs Millimeter kleine Hochvolt-Chips, in den angesteuerten Geräten entweder schon produktionsseitig eingebaut sind oder nachgerüstet werden können. Der Impulsgeber, das Digitalstrom-Meter, verteilt wie ein Bewässerungskanal den Strom und reguliert, beispielsweise bei gewünschter Lichtdämmung, dessen Stärke. Ein Digitalstromserver ist mit dem Digitalstrom-Meter und mit dem Internet verbunden sodass auch über das Smartphone oder den Heimcomputer die Anlage gesteuert werden kann.
Aber auch hier ist der Preis noch relativ hoch. Theoretisch wären bei Massenproduktion 2-3 Euro pro Chip möglich, natürlich nur, wenn sich exakt dieses System durchsetzt. Momentan liegt der Preis noch bei ca. 60 Euro pro Chip. Gleichzeitig kommen neue Systeme auf, die komplett auf Funk basieren. Da diese (noch) sehr störanfällig – in jedem Fall anfälliger als Kabel – sind, ist die Nachfrage gering, aber auch hier ist Entwicklungspotential.

Standardisierung? Vielleicht!

Problematisch ist zusätzlich, dass sich auf dem IT Markt oft wenige, große Unternehmen durchsetzen. Google, Facebook, Microsoft, Apple sind die wohl bekanntesten Beispiele. Insbesondere, wenn es darum geht, Programme oder Geräte miteinander kompatibel zu machen tun sich diese Konzerne schwer. So ist es in Zukunft beispielsweise nicht mehr möglich, ein Windows Betriebssystem auf dem neusten Apple zu installieren. Ähnlich könnte es bei Hausautomatisierung aussehen: Viele Unternehmen könnten ihre eigene Suppe kochen und die Kombination mit Geräten eines anderen Herstellers ausschließen.
Wenn es nun eine Vielzahl an inkompatiblen Systemen gibt und so der Handel im Europäischen Binnenmarkt gefährdet wird, greift gerne die Europäische Union zur Normierung. Abgesehen also von der Frage, ob das vom Immobilienbesitzer gewählte System überhaupt Chancen auf dem freien Markt hat, muss also auch die Politik im Auge behalten werden.

Bislang kaum ausreichender Datenschutz

Das gilt ebenfalls für den Datenschutz. Da auch die Verschlüsselungstechnik noch nicht 100% ausgereift ist und die Daten genutzt werden können, um den Lebensalltag eines Nutzers exakt nachzuzeichnen, sind Datenschützer eher skeptisch. Sobald die intelligenten Wohnsysteme massenhaft verbreitet seien, würden auch Angriffe auf die Anlagen zunehmen, warnte jüngst ein Sprecher des Chaos Computer Clubs gegenüber der Wochenzeitschrift Die Zeit. Insbesondere Funknetzwerke seien hier eine ernst zu nehmende Schwachstelle. Auch hier gilt: Wenn das vom Immobilienbesitzer verwendete System nicht mögliche noch kommende gesetzliche Mindeststandards erfüllt, kommen zusätzliche Kosten auf.

Fazit – Ein Restrisiko bleibt immer

Die Nachrüstung zum intelligenten Haus bietet eindeutige Vorteile, die sich in dem Wert der Immobilie wiederspiegeln können. Eine Investition sollte jedoch nur dann erfolgen, wenn dem jeweiligen System Zukunftschancen ausgerechnet werden. Wie in einem Labyrinth der Systeme muss der Besitzer entscheiden welche Abbiegung er nimmt, selbst auf die Gefahr hin, den gesamten Weg zurück gehen zu müssen, um dann wieder eine andere Abzweigung einzuschlagen. Bei der steigenden Zahl an Hausautomatisierungen wächst gleichzeitig der Konkurrenzdruck. Diese Dynamik wird sich aber auch in Zukunft kaum vermeiden lassen: Die Verdichtung von Raum und Zeit, so die romantische Umschreibung der Globalisierung, läutet mit einer immer höheren Frequenz neue Runden der Innovation ein. Das Risiko, auf das falsche Pferd zu setzen ist dabei insbesondere für Immobilienbesitzer hoch. Aber vielleicht macht auch gerade das den Reiz an neuer Technologie aus.