Wo wohnen wir, wenn der Platz ausgeht? Kreative Wohnideen der Zukunft

Die Bevölkerung in den Städten wächst und wächst, vorbei scheint der Traum vom Leben auf dem Land, die Menschen wollen in Städten leben. Aber in den Städten ist der Wohnraum knapp, die Preise steigen und in den Innenstädten fehlt oft der Platz, um neue Wohnungen zu bauen. Andererseits gibt es gerade in den Innenstädten viel Leerstand: in alten Büro- und Verwaltungsgebäuden oder auch in Parkhäusern. Dieser Umstand führt zu so mancher kreativer Wohnidee, von denen vielleicht die ein oder andere zu einem Trend der Zukunft werden könnte.

Das Haushüter-Modell

Gerade in Universitätsstädten fehlt Wohnraum und wenn zu Studienbeginn die Erstsemester in die Städte strömen, finden sie oft keinen Platz zum Wohnen.
In Düsseldorf gründete das Studentenwerk das Projekt „Kellerkinder“ und stellt für 20 Studenten zwei Räume mit Toilette, Dusche und Küche im Souterrain eines Studentenwohnheims zur Verfügung, wo sie mit Schlafsack und Isomatte ihr Quartier aufschlagen können.
In Münster ertönt jedes Jahr auf’s Neue der Aufruf „Deine Couch für Erstis“, in dem dazu aufgerufen wird, den Erstsemestern, die zum Beginn des Studiums noch keine Wohnung gefunden haben, die Wohnzimmercouch zur Verfügung zu stellen.
Aber die Stadt Münster zeigt auch, wie es anders gehen kann. Im ehemaligen Finanzamt der Stadt haben sich Studenten in den Konferenzzimmern, in den Büros und im Amtszimmer des Behördenchefs häuslich eingerichtet. Das Finanzamt ist längst umgezogen, das Gebäude stand leer und durch dieses sogenannte Haushüter-Modell, dass sich in Großbritannien und den Niederlanden längst etabliert hat, schlägt die Stadt zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie schafft dringend benötigten Wohnraum und schützt durch die Haushüter gleichzeitig leerstehende Gebäude vor dem Verfall und Vandalismus, denn die Bewohner übernehmen an ihrem ungewöhnlichen Wohnort auch gewisse Verpflichtungen. Dazu gehört zum Beispiel das Rasenmähen und Unkrautzupfen sowie Absprachen wer wann in den Urlaub fährt, denn schließlich soll das Gebäude nicht leer stehen. Dieser Trend ist auch in anderen Städten zu beobachten, die Stadt Bremen stellt Räume in feudalen Herrenhäusern zur Verfügung, in Frankfurt am Main leben Studenten im ehemaligen Polizeirevier, in Kassel hüten sie ein ehemaliges Elektrizitätwerk, dass zu diesem Zweck umgebaut wurde und in Osnabrück wird sogar ein kleines Fachwerktürmchen in der Stadtmauer an einen Haushüter vermietet.
Vor allem in Berlin hat sich das Haushüter-Modell mit dem Motto Bewachung durch Bewohnung durchgesetzt und das längst nicht nur bei Studenten. Die niederländische Firma Camelot, über die auch die haushütenden Studenten im Münsteraner Finanzamt vermittelt wurden, vermittelt hier unter anderem Haushüter in eine leerstehende Schule und ein ehemaliges US-Militärhospital. Überall zahlen die Mieter eine geringe Monatspauschale und kümmern sich dafür um das Objekt. Der Nachteil an der Sache: in den meisten Fällen dauert das Mietverhältnis nur so lange, bis ein Käufer für das Gebäude gefunden wurde und die Kündigungsfristen sind mit nur vier Wochen äußerst kurz. Dennoch hat das Immobilien-Hopping durchaus Chancen, sich zu einem Trend zu entwickeln.

Vom Büro zur Wohnung

Bundesweit herrscht Wohnraummangel in den Innenstädten und gleichzeitig gibt es einen gewaltigen Leerstand: der Bestand an ungenutzten Bürobauten in Deutschland beläuft sich auf knapp acht Millionen Quadratmeter. Oft liegen die ehemaligen Büro- und Verwaltungsgebäude in bester Innenstadtlage, was also liegt näher, als sie zu Wohnraum umzubauen? Diese Alternative zum Abriss und Neubau nennt sich Redevelopment. In der Frankfurter Bürostadt Niederrad entstanden in einem jahrelang leerstehenden Büroturm fast 100 Wohnungen auf 17 Etagen. Zu bedenken ist bei der Idee des Redevelopments neben dem Bedarf an Wohnraum auch die Tatsache, dass auch Leerstand Geld kostet. Der ehemalige Frankfurter Büroturm, der heute Kaltmieten von 13 Euro pro Quadratmeter einbringt, hat vorher bis zu 150.000 Euro pro Jahr vernichtet.
Allein in Frankfurt entstanden in den letzten fünf Jahren über 2.000 Wohnungen aus ehemaligem Büroraum und der Trend hält an, auch in anderen deutschen Großstädten, wo die Projekte teilweise in Millionenhöhe bezuschusst werden.

Wohnen im Parkhaus

Aber nicht nur alte Büro- und Verwaltungsgebäude stehen in den Innenstädten leer, auch die früher oft bis zum Bersten gefüllten Parkhäuser sind heute nur noch selten ausgelastet. Dabei nehmen die wuchtigen Betonklötze viel Platz in begehrten Innenstadtlagen weg, der optimal als Wohnraum genutzt werden könnte. Im Hamburger Stadtteil Harvestehude wurde bereits 2005 ein Park- und Bürohaus aus den 1970ern zu einem Wohnhaus mit insgesamt 15 Wohnungen umgebaut und auch in der Innenstadt von Münster wurde ein Parkhaus in ein Wohn- und Geschäftshaus umgewandelt.
In Köln laufen Planungen, in den beiden oberen Etagen eines vierstöckigen Parkhauses 30 Wohnungen, darunter vier bis fünf exklusive Penthouse-Wohnungen, zu errichten. Gerade diese Doppelnutzung, im unteren Teil die Parkflächen zu erhalten und im oberen Teil in Top-Innenstadtlage Wohnraum zu errichten, wird sicherlich ein Trend der Zukunft werden, da die Parkhäuser als Relikte aus den autofreundlichen Sechziger und Siebziger Jahren in Zukunft nicht mehr in dieser Anzahl gebraucht werden.

Wohnen im Untergrund

Wagt man einen Blick in andere Großstädte der Welt, stößt man auf ganze andere Trends. In Peking leben zum Beispiel rund zwei Millionen Menschen unter der Erde, manche in Zimmern, die nur zwei Quadratmeter groß sind. Dabei handelt es sich meist um Keller und frühere Luftschutzbunker, die zu günstigem Wohnraum in ansonsten unbezahlbaren Wohnlagen umgebaut wurden. Zwar erschließt sich hier für Städtebauer eine Möglichkeit, bezahlbaren Wohnraum in den Innenstädten zu schaffen, jedoch sind die Lebensbedingungen unter der Erde zumindest im Moment noch eher unattraktiv. Die Vorteile liegen in den zentralen Wohnlagen und kurzen Wegen zum Arbeitsplatz, dafür herrscht aber in den unterirdischen Quartieren eine hohe Luftfeuchtigkeit, schlechte Belüftung und oft ungenügende Sicherheitsstandards gegen Feuer oder Überflutungen.
Gerade in Asien werden in manchen Städten auch riesige Einkaufszentren im Untergrund gebaut, so dass der Trend zum Wohnen im Untergrund nur noch eine Frage der Zeit war. Statt in die Höhe wird nun auch in die Tiefe expandiert. In Deutschland ist davon aber noch nichts zu spüren.

Wohnraumbeschaffung auf eigene Faust

Manch einer möchte auf der Suche nach günstigem Wohnraum nicht auf Trends, Entwicklungen und Taten der Städteplaner warten und nimmt sein Schicksal selbst in die Hand.
Da wird beispielsweise das Wohnhaus für die Kinder samt Familie freigemacht und Opa wohnt in der umgebauten und zum Wohnraum verwandelten Garage. So kann mit Eigeninitiative Wohnraum entstehen, ganz ohne Städteplanung.
Auch Campingplätze ziehen in Zeiten von Wohnungsnot immer mehr Dauerbewohner an. Bauarbeiter und Monteure, die nur eine Unterkunft für ein paar Wochen suchen kommen hier genauso unter wie die die sogenannten Dauercamper, die das ganze Jahr über in ihrem Wohnwagen leben. Was in den USA in den sogenannten Trailer-Parks gang und gäbe ist, wird hierzulande jedoch nicht gerne gesehen. Der westfälischen Stadt Lohmar sind die Dauercamper seit Jahren ein Dorn im Auge. Mit selbst errichteten Anbauten rund um den Wohnwagen herum, mit komplettem Bad mit Wanne und Waschmaschine, haben viele der Domizile auf dem Campingplatz mehr Ähnlichkeit mit einem Eigenheim als mit einer Campingunterkunft. Das geht der Stadt zu weit, denn ein Campingplatz sei kein Wohngebiet und auch in Sachen Brandschutz und Rettungswege würde den Anforderungen nicht entsprochen. Seit einem Brand, bei dem zwei Menschen zu Tode kamen,  setzt die Stadt alles daran, die Dauercamper loszuwerden.
Leben im Wohnwagen, wie in den Trailerparks in den USA, wo das Wohnen im Mobile Home längst zum Alltag gehört hat sich in Deutschland also noch nicht durchgesetzt.

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